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Schuhhaus Götz schließt für immer

Mudau. (lm) Die Schaufenster sowie das gesamte Anwesen sind leergeräumt, etwas traurig steht Karl Götz im Eingang seines leergeräumten Ladens, denn nun endet mit Wirkung zum 30. November dieses Jahres endgültig das Bestehen des über 350 Jahre alten Schuhhauses Götz mit seiner Orthopädie- sowie Fußpflegeabteilung - und die Gemeinde Mudau wird so um eine lang gehegte Dienstleistung ärmer. Das Traditionsgeschäft gilt als das älteste Mudauer Geschäft welches im gesamten süddeutschen Raum als drittältestes Geschäft mit einem Inhabernamen geführt wird. Lediglich in München gab es noch zwei Firmen mit älterem Datum. Wehmütig und mit vielen Erinnerungen bepackt blickt Karl Götz auf das bereits verkaufte Anwesen und bedankte sich in einem kurzen Statement bei seiner Kundschaft für deren jahrelange Treue zum Schuhhaus Götz. Lange Zeit gehörte auch Monika Horn als zuverlässige und versierte Mitarbeiterin zum „Geschäftsinventar“, wofür ihr ein besonderes Dankeschön des Chefs galt. Bei einem historischen Rückblick auf das Schuhhaus Götz ab der Mudauer Zeit und damit auch auf das altehrwürdige Schuhmacherhandwerk in der Gemeinde Mudau, werden zudem auch die schwierigen Lebensumstände der damaligen Bevölkerung im Odenwald deutlich. So waren auch die Kinderjahre von Karl Götz sen. geprägt von einer allgemein herrschenden Not in einer Zeit des Umschwungs von der Weimarer Republik zur Machtübernahme durch die NSDAP. Im Hitler-Regime wurde er im Alter von 20 Jahren zur Deutschen Wehrmacht einberufen, wo er von 1935 bis 1937 seinen Wehrdienst absolvierte. Mit Ende des 2. Weltkrieges kehrte er 1945 in die Heimat zurück, wo er bereits am 29. November 1944 Johanna Götz, geborene Benig, aus Schloßau geehelicht hatte. Aus der Ehe gingen vier Kinder hervor. Mit der ihm eigenen Tatkraft übernahm er sofort nach Kriegsende den elterlichen Betrieb. Nachdem die größten Schwierigkeiten der Jahre unmittelbar nach dem Krieg überwunden waren (man denke an die Währungsreform von 1948), konnte daran gedacht werden, den Betrieb zu modernisieren. Hier bot sich an, das Geschäft vom Stammhaus (neugebaut 1913) zu verlegen und anstelle der gegenüberliegenden Ökonomiegebäude das neue Geschäftshaus mit Schuhen. Lederwaren und Sportartikel sowie einer Werkstatt zu errichten. Dies wurde im Jahre 1954 eröffnet. Waren alle früheren Generationen darauf angewiesen, neben dem Handwerksbetrieb eine Landwirtschaft mit zu betreiben, so ließ das neue Geschäftsverständnis dies nicht mehr zu. Karl Götz sen- gab folgerichtig die Landwirtschaft auf und konzentrierte sich ausschließlich auf sein Geschäft. Er führte dies zusammen mit seiner Frau über drei Jahrzehnte mit großem Geschick, Einsatz und Erfolg. Trotz starker Beanspruchung im Betrieb fand er Zeit, sich auch für die Belange der Gemeinde (er gehörte 24 Jahre dem Gemeinderat Mudau an) und der örtlichen Vereine (u. a. war er neun Jahre Vorsitzender des Gesangvereins „Frohsinn 1842") einzusetzen. Sein besonderes Hobby, die Brieftauben, dürfen an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben. Für ihn als Geschäftsmann war es ohne Zweifel der Höhepunkt, als er im Jahre 1977 das 300-jährige Betriebsjubiläum feiern konnte. Sein Interesse für die Familiengeschichte und die Anfänge und Entwicklung des von ihm geführten Geschäfts ließen ihn erfolgreich Nachforschungen über die Vergangenheit anstellen. So konnte er aufgrund auffindbarer Urkunden den Nachweis erbringen, dass die Männer der Familie Götz in ununterbrochener Tradition seit dem Jahre 1666 als Schuhmacher in Mudau ansässig waren. Die Familie gehört damit zu den ältesten Handwerkerfamilien der Gemeinde und des Kreisgebiets. Es ist in diesem Zusammenhang durchaus erwähnenswert, dass von den im Jahre 1852 in Mudau bestehenden 42 Schuhmachereien 1977 nur noch zwei – ab 1. Dezember keine mehr - übriggeblieben waren, was Durchsetzungsvermögen und beeindruckende kaufmännische Fähigkeiten von Karl Götz sen. und jr. beweist. Das Jubiläum wurde offiziell am 11. April 1977 begangen. Der Schuhmachermeister Karl Götz sen. vertrat 12 Jahre lang die Interessen seines Berufsstandes auch dadurch, dass er sich der Schuhmacherinnung als deren Innungsobermeister zur Verfügung stellte. Nach erfolgreichem Berufsleben schienen ihm am 1. Januar 1978 die Voraussetzungen gegeben gewesen, die Geschicke des Geschäfts in die Händer von Sohn Karl Wendelin zu legen. Dieser hatte im Jahre 1976 an der Max-Sahm-Schule in Frankfurt zusätzlich zu seiner Ausbildung als Schuhmachermeister und Kaufmann die Meisterprüfung in der Orthopädie abgelegt. Dadurch konnte er dem Geschäft eine Orthopädie- und Fußpflegeabteilung mit neuzeitlichen Maschinen und Behandlungsgeräten angliedern und den Betrieb wesentlich erweitern. Er wurde in der Führung des zeitweise sechs Mitarbeiter zählenden Betriebs unterstützt von seiner Ehefrau Theresia, geb. Allabar, die vor allem als Fachkraft in der Verkaufsabteilung tätig war. Das Ehepaar hat vier Kinder. Sohn Carlo Götz, ursprünglich ebenfalls gelernter Schuhmacher und nach dem nachgeholten Abitur und Studium in Physik und Mathematik heute Rektor der Gewerbeschule in Eberbach, erläuterte: „Inzwischen ist das Schuhmacherhandwerk in Deutschland nahezu ausgestorben und Schuhe werden heute industriell gefertigt, sie unterliegen einer schnellen modischen Entwicklung, mit der ein Handwerker nicht Schritt halten kann. Während meiner Ausbildung zum Schuhmacher von 1986-1989 hat sich dies bereits abgezeichnet und für mich war klar, dass das Schuhmacherhandwerk keine Lebensgrundlage mehr für meine Zukunft bieten wird. Auch der Handel mit Schuhen hatte sich grundlegend verändert. Eine immer schneller sich ändernde Mode und der neu hinzugekommene Internethandel haben den Markt so stark verändert, dass mit dem Schuhverkauf in einem Dorf mit ca. 5000 Einwohnern keine Lebensgrundlage mehr besteht“. Nach dem Tod seiner Mutter im Jahr 2004 habe sein Vater folgerichtig den Schuhverkauf immer stärker reduziert und sich stattdessen auf die Nische mit orthopädischen Schuhen und Einlagen konzentriert, von deren Herstellung er bis zur endgültigen Rente mit jetzt 74 Jahren leben konnte. Mit dem Verkauf des Anwesens endete nun leider auch die Tradition des Schuhmacherhandwerks Götz in Mudau.