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Eindrucksvolle Wanderung mit "Odenwälder Weitblick"

Mudau. Als roten Faden für den „Odenwälder Weitblick“ im Rahmen des Sonntagsprogramms konnte man die Zeit um das Jahr 1800 bezeichnen. Dies wurde aus den einführenden Erläuterungen von Wanderwart Christoph Müller zur Begrüßung einer mindestens 60 Personen starken Wandergruppe vor dem Mudauer Rathaus deutlich.

Als Besonderheit konnte man die Willkommensgrüße von Bürgermeister Dr. Norbert Rippberger und Landrat Dr. Achim Brötel werten. Letzterer machte deutlich, dass er nur ungern auf „Odenwälder Weitsicht“ verzichte, sich aber für ein Fit-Programm der AOK am Nachmittag schonen müsse. Dafür beglückwünschte er die Wandergruppe zu ihrem Tagesführer. Denn Hans Slama gelte als profunder Kenner der Heimatgeschichte und als unterhaltsamer Wegbegleiter. Dies wurde erstmals beim „Neuhof“ deutlich, als der Heimatkundler in spannender Weise seinen interessierten Wanderfreunden die Entwicklung der Besiedelung des Mudauer Odenwaldes durch das Kloster Amorbach ab dem 11./12. Jhd. mittels Rodungsinseln und Waldhufendörfer mit dem Zentrum Mudau und Fronhof sowie die Entwicklung über die Herren von Dürn, das Kurfürstentum Mainz bis hin zu den Fürsten zu Leiningen und Baden erläuterte. „Nur ein Teil des Waldes wurde gerodet, denn dieser ernährte Mensch und Tier, bot allerdings nicht nur den Anwohnern Schutz in Kriegszeiten, sondern auch Wilderern und Räubern. Der „Neue Hof“ entstand wohl später unter den Herren von Dürn. Die Gebäude lagen im heutigen „Untermudau“ und sind zusammen mit einer Ziegelhütte auch dessen Ursprung. Die Dörfer Mudau, Schloßau, Donebach und Mörschenhardt, als Gemarkungsteilhaber des Neuhofgeländes sind bereits in der Verkaufsurkunde der Dürn an Mainz 1271 mit deren erster urkundlicher Erwähnung genannt. Es wurde eine Schäferei betrieben mit Weiderechten in den umliegenden Ortschaften bis nach Schöllenbach. Der Boden im Neuhof war für die Landwirtschaft nicht besonders geeignet, weshalb er schon im Mittelalter aufgegeben und an die umliegenden oben erwähnten Ortschaften verpachtet wurde. Aber auch diese hatten kein großes Interesse. Dies änderte sich erst ab Mitte des 19. Jhd. als Eigentum unter bestimmten Bedingungen von Leiningen erworben werden konnte. Der Betreiber der Ziegelhütte war teilweise lastenfrei, was ein Vorteil für die Mudauer war. Natürlich gibt es auch Sagen im Neuhof, so geht dort der „Reiter ohne Kopf“ um, was mit den Rüdt von Collenberg zu tun hat. Auch wurde der Reiter erlöst als er eines Tages den Grenzstein an seinen alten Ort zurückbringen konnte.
Bei der nächsten Station an den Sendetürmen konnten die Wanderer erfahren, daß entgegen aller düsteren Prognosen eines Redakteurs vor 30 Jahren, Donebach nicht zum Sterben verurteilt ist, sondern in der Folgezeit geradezu aufblühte. Von 1936 bis 1945 war der Ort nach Mudau eingemeindet, 1939/ 40 wurde ein Behelfsflugplatz eingerichtet mit 1200 !!! Beschäftigten. Doch der schnelle Sieg über Frankreich war 1941/43 auch das schnelle Ende des „Donebach-Airport“. Ein unglaublicher finanzieller Verlust für die Gemeinde mit Folgekosten für die Rekultivierung der Fläche in der Nachkriegszeit. 1965-67 wurden dann vier Sendemasten mit 200 m Höhe erstellt, 1970 erfolgte der Umbau auf die einzigen Langwellenrundfunksender der BRD. Doch schon 1981 folgte der Abbruch dieser Türme und gleichzeitig der Bau von zwei Sendern a 360 m (60 m höher als der Eiffelturm) die höchsten Westeuropas. 1997 erfolgte die erste große Renovierung mit 200 to Strahlmittel und 4500 kg Farbe je Mast. Die Sendetürme erreichen eine Sendeweite von 3 500 km, bis Südafrika. Dabei wurden Strahlungen nur in geringem Maße festgestellt. So ganz „nebenbei“ ging Hans Slama auch auf die Bildstockentwicklungsgeschichte vom Holzbildstock über die Steinkreuze bis heute ein. Als Beispiele diente das „Rote Bild“, wo eine heftige Prügelei stattgefunden haben soll. Am Steinkreuz in Mörschenhardt erläuterte Slama die Standes- und Sühnekreuze und den Beinamen „Russenkreuz“ für das Mörschenhardter Kreuz. Er führte dies auf die Geschichte zurück, dass hier eine Zigeunerin oder ein russischer Soldat begraben sein soll. In seinen Ausführungen an der Landesgrenze zu Bayern – ehemals auch die Centgrenze – ging es um die Geschichte der Fürsten zu Leiningen, die sich in Folge des Zeitgeistes bei der Jagd auf die Anlage von „Thiergärten“ verlegten. In diesem Zusammenhang blieben das damalige Jagdrecht sowie die weit verbreitete Wilderei und Holzfrevel mittel überlieferter Geschichten und Beispielen zur Wildereibestrafung natürlich nicht unerwähnt. Bei der „Wildmauer“ angekommen, erfuhr die Wandergruppe einiges aus der Entstehungsgeschichte des Odenwaldes und des Buntsandsteines. Schließlich stammen die Anhäufungen „Am Hohen Stein“ noch aus der Eiszeit. Die natürlichen Anhäufungen wurden teilweise auf drei Meter erhöht und als Umfriedung für die „Thiergärten“ der Leininger genutzt. Die Menschen der damaligen Zeit waren erfindungsreich und nutzten außerdem Reisigwälle, Flecht- und Plankenzäune sowie Stell-, Wild- und Trockenmauern, um Wildschaden von den Feldern abzuhalten. Über die Hauskapelle Gramlich und die dortigen Bildstöcke – markante Beispiele Odenwälder Frömmigkeit und Madonnenverehrung – gelangte die Wandergruppe schließlich nach Mörschenhardt. Hier beschäftigte sich der Heimatkundler Slama mit dem Gemeindevermögen im Jahr 1778 ebenso wie mit der Eingemeindung nach Schloßau von1935 bis 45 und schließlich dem freiwilligen Anschluss an Mudau im Jahr 1971. Interessant waren natürlich auch die alten Verbindungen zur Wildenburg und im Nachhinein die Strukturanalyse des Landes Baden-Württemberg Ende der 80er Jahre. Nach dieser hätte in Mörschenhardt bei entsprechender Konstellation eine Agrarindustrie entstehen können, als Alternative sah man das Dorf von der Landkarte verschwinden. Doch beide Prognosen waren falsch. Mörschenhardt existiert nach wie vor und hat sich zu einer liebens- und lebenswerten Wohngemeinde mit großer Gastfreundschaft entwickelt. Und diese konnten die Wanderer ausgiebig genießen, bevor sie mit dem eigens eingesetzten Bus wieder zu ihrem Ausgangsort gebracht wurden. (L.M.)