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Leben und Wirken des "Schinderhannes"

Mudau. (lm) Unter dem vielversprechenden Titel „Aus dem Odenwald in den Orikonodschungel“ referierte auf Einladung des Heimat- und Verkehrsvereins Mudau im „Weinparadies Engel“ Dr. Dr. Mark Scheibe von der Stiftung „Historische Kommission für die Rheinlande 1789 – 1815“ über das Leben von Johannes Bückler, besser bekannt als der „Schinderhannes“. Und obwohl die Mehrheit der überaus zahlreich erschienenen Gäste sich lieber an die romantisch verschleierten Filme mit Frauenheld Curt Jürgens erinnert hätten, gelang es Dr. Dr. Scheibe doch mit Bravour, ein Realitätsbild zu schaffen über diesen mehrfachen Mörder, Totschläger und Räuber, der aufgrund seiner Grausamkeit nicht umsonst als „Schinderhannes“ in die Geschichte einging, absolut nichts von einem „Robin Hood des Odenwaldes“ hatte und nur 24 Jahre alt wurde. Besonders aufmerksam lauschte sein interessiertes Publikum sicher auch, weil der Referent in der Uniform der französischen Nationalgendarmerie auftrat, die maßgeblich an der Gefangennahme des Johannes Bückler im Jahr 1803 beteiligt war. Dr. Dr. Scheibe beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der Erforschung des Mythos „Schinderhannes“, dessen „Heldentaten“ lange vor Disney’s Micky Mouse als Fortsetzungsgeschichte auf über 4.800 Seiten glorifiziert worden waren. Und mit seinen lebhaften Erläuterungen über die damalige Zeit Napoleons, als die kleinen Leute erstmals die Chance sahen, aus der Gosse zu kommen, um dann doch wieder in derselben zu landen, machte Scheibe sehr deutlich, wie – aus heutiger Sicht – seltsam die Gesinnung der Richter und der Menschen war. Sowohl der Schinderhannes als auch seine 94 Mittäter haben ihre Opfer grausamst gequält und hatten keinerlei Gewissensbisse deswegen, vor allem wenn die Opfer jüdischen Glaubens waren. Und das entschuldigte bis zu einem gewissen Grad auch die damalige Justiz. Seltsam war auch der Bekanntheitsgrad des Johannes Bückler, der sich selbst immer wieder „in die Schlagzeilen“ bzw. ins Gerede brachte, indem er dafür sorgte, dass er in über 150 Orten des Hunsrücks und des Odenwaldes nachweisbar war. Da er seine Jugend im Krieg verbracht hatte, bei drei Lehrherren hinausgeflogen war und über Viehdiebereien schließlich bei brutalen Raubüberfällen gelandet war, war es ihm offensichtlich ein Vergnügen, den Kriminologen Prof Anton Keil ausgiebig an der Nase herumzuführen bis er sich dann in Frankfurt und Mainz endlich und noch immer mit großer Arroganz dem Strafgericht stellen musste und im Jahr 1803 dann seinen Kopf verlor. Was noch alles mit den Leichenteilen experimentiert wurde, ist aus heutiger Sicht ein weiterer Alptraum. Neben vielen interessanten Anekdoten ließ Dr. Dr. Scheibe auch einiges an „Original-Räuber-Werkzeug“ umhergehen. Hans Slama unterstrich den Vortrag durch seine Begrüßung in der jenischen bzw. Räubersprache, für die zweifelsfrei die mitgelieferte Übersetzung sehr notwendig war. Er dankte dem Referenten für die interessanten Ausführungen und wiederholte dessen Einladung zur Ausstellung „Expedition Custine – das Rhein-Main-Gebiet und die gescheiterte Freiheit 1792/93“, die noch in diesem Jahr in Kelkheim stattfinden wird